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24.11 2004 Mittwoch, 17:00
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Die Tortung des KPÖ-Vorsitzenden macht vor allem eines klar: nix ist mehr so, wie es mal sein hätte sollen.
Letzten Samstag haben sie den Walter Baier getortet. Den – vorläufig noch – amtierenden Bundesvorsitzenden der Kommunistischen Partei Österreichs. Und was geschah? Nix geschah. Eine dürre Meldung auf der "TATblatt"-Homepage, und dann zwei Tage lang Sendepause. Dann erschien auf der erwähnten HP ein ausführlicherer Bericht zur Causa, garniert mit einem herzzerreißenden Leserbrief der gleichfalls getorteten Landesparteisekretärin Claudia Krieglsteiner.
Und sonst? KP-seitig? Außer dem Krieglsteiner-Gesülze? Nix. Absolut nix.
Und ob dieses geballten Nichts schweift dann das Auge des Betrachters unwillkürlich zurück, so cirka fünfundzwanzig, dreißig Jahre. In jene Zeiten, wo der dynamisch-revolutionäre Leonid Breschnew mit straffer Hand die Geschicke des Weltproletariats zu lenken geruhte. Wo die Todor Schiffkoffs und die Erich Honeckers und die Nicolae Ceaucescus noch in voller Blüte standen. Wo die KPÖ sich einen kleinen, aber ungemein feinen Konzern leistete, der es – wie beim Novum-Prozess auffliegen sollte - locker auf zwei Milliarden Mark Jahresumsatz brachte. Westmark, wohlgemerkt. (Oder der Konzern sich die KPÖ leistete – da differieren bekanntlich die Einschätzungen.)

Damals, in den Blütezeiten des Realsozialismus, wäre ein Aufschrei durch die fortschrittliche Welt gegangen. "Heimtückischer Anschlag auf Vorsitzenden der KPÖ!" hätten "Volksstimme", "Rude Pravo", "Prawda" und "Neues Deutschland" unisono getitelt. Österreichische Botschafter in Moskau, Prag, Berlin/DDR, Sofia und den anderen Metropolen des "sozialistischen Lagers" wären in die jeweiligen Außenministerien zitiert worden. Dort hätten sie in barschem Ton mitgeteilt bekommen, wie sehr sich die betreffenden Regierungen angesichts des feigen Attentats auf den revolutionären Arbeiterführer und fortschrittlichen Friedenskämpfer Walter Baier um die österreichische Demokratie sorgten.
Aber das war erst der Anfang. Die Sonntagsbeilage der "Iswestija" machte mit der "drohenden faschistischen Gefahr in Österreich" auf, und von Unschuldsvermutung war in dem ganzen vierseitigen Artikel nicht einmal ansatzweise die Rede. Das Politbüro der KpdSU verurteilte den "feigen und gemeinen Anschlag auf einen bewährten Vorkämpfer des Weltfriedens". Zweihundert FDJ-Blauhemden besetzten – nach vorheriger Absprache mit Konsul, Volkspolizei und "Novum"-Generalvertreter – zwei Stunden lang symbolisch das österreichische Konsulat in Ostberlin. Die Kosmonauten der "Sojus XIV" schickten eine Solidaritätsadresse aus dem Orbit, Yassir Arafat eine aus Beirut, Claudia Krieglsteiner eine sehr persönlich gehaltene aus Imst im schönen Tirol. In Workuta benannten sie die neu errichtete Verbindungsstraße zwischen Mülldeponie und dem Frauen-Arbeitslager in "Walter-Baier-Prospekt" um. Der Pionier-Chor des Strumpfkombinats Halle/Saale übte eine textlich der neuen strategischen Situation angepasste Version der "Arbeiter von Wien" ein: "So flieg du flammender, du roter Walter ..."

Der beim dienstäglichen Pressefoyer nach dem Ministerrat von einem TASS-Korrespondenten auf den "Tortenskandal" angesprochene Bundeskanzler Bruno Kreisky grummelte, er könne "leider nicht zu jeder Wirtshausschlägerei" seinen Senf absondern. Das hätte er besser nicht gesagt, denn tags darauf stand der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko auf der rotweißroten Matte am Ballhausplatz. In einem vom Geiste der friedlichen Koexistenz und Völkerverständigung getragenen Gespräch warnte der greise Diplomat den sichtlich um Deeskalation bemühten Kreisky eindringlich vor der "drohenden faschistischen Gefahr". Anschließend begab sich Gromyko in die sowjetische Botschaft, wo er namens der friedliebenden Völker der Sowjetunion zum Festbankett zu Ehren von Walter Baier lud. Den solcherart Gefeierten überkamen Tränen der Rührung, als er aus der Hand des Mannes, der noch persönlich dem Genossen Stalin den Schnurrbart hatte zwirbeln dürfen, den Großen Vaterländischen Verdienstorden überreicht bekam. Um seine unverbrüchliche Solidarität mit der bedrängten Vorhut der österreichischen Werktätigen zu dokumentieren, verfügte sich Exzellenz Gromyko anschließend in die Ministersuite im vierten Stock des KPÖ-Parteiheimes in der Wielandgasse, um dort zu nächtigen. Der tapfere Baier und sein Pressesprecher hielten die ganze Nacht über im Vorzimmer Wache.
Walter Baier wurde nun Tag und Nacht von fünf vierschrötigen Staatspolizisten begleitet, die in des Wortes ursprünglichster Bedeutung allen seinen Sitzungen erste Reihe fußfrei beiwohnen durften, außer natürlich denen der Finanzkommission. Die "Volksstimme" brachte eine Serie „Rote Faschisten“, in der steckbriefartig die wichtigsten Führungskader der Szene links von der KPÖ aufgeblattelt wurden. Die KPÖ hatte "keinerlei Zugriff auf Stapoquellen", aber insbesondere das von der Stasi in einem beispiellosen Akt internationaler Solidarität bei deren Top-Agenten, dem Wiener Stapo-Chef Gustav Hochenbichler, besorgte Material erwies sich als überaus ergiebig. Eine KPÖ-Demonstration vom Ort der Tortung auf den Ballhausplatz und von dort zum Parlament mobilisierte 1200 (Polizei), 2400 ("AZ") oder 10.000 ("Volksstimme") TeilnehmerInnen: ein Drittel PensionistInnen, ein Drittel Parteiangestellte, ein Drittel Fußvolk im kampffähigen Alter. Anschließend nahmen Baier und einige ausgewählte FunktionärInnen an einer ökumenischen Eucharistiefeier für Frieden und Demokratie in der Paulanerkirche teil.
Der maostalinistische "Kommunistische Bund Österreichs" (KB) brachte eine achtseitige Sonderausgabe seines "Klassenkampfs" unters Volk, auf der ein Foto des frisch getorteten Arbeiterführers unter der Schlagzeile "Die wahre Fratze des Sozialimperialismus!" prangte. Das neue "profil" titelte unter Verwendung desselben Fotos: "Baier-Dämmerung". Der Bundesvorsitzende des "Ringes Freiheitlicher Jugend", ein gewisser Jörg Haider, forderte das "Verbot aller bolschewistischen Organisationen analog zum NS-Verbotsgesetz, um der maßlosen linken Gewalt Herr zu werden". Kardinal König übersandte dem KPÖ-Vorsitzenden seine herzlichsten Genesungswünsche.
Und so weiter. So - oder so ähnlich - wäre das "damals" abgelaufen.
Aber heute? Mein Gott, Walter!
Franz Koritschoner
Fotos: EKH bleibt! - Site
Interessanter Link aus der "Jungen Welt": Wohin geht die KPÖ?
Von Links Gebügelt - Satirische Beiträge zur Affäre um den Verkauf des Ernst Kirchweger-Hauses
EKH-Affäre - Politische Texte zum Verkauf des Ernst Kirchweger-Hauses |
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